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IHK24

Programmiertes Missverständnis: Das TV-Interview

Warum ist der Dialog zwischen Fernsehen und Unternehmern schwierig? Weil Wirtschaftsthemen so kompliziert sind? Weil Journalisten Skandale suchen? Oder weil Unternehmer sich nicht in die Karten gucken lassen? Alles richtig und doch nur ein Teil der Wahrheit, denn die meisten Journalisten wissen wenig von Wirtschaft - und Unternehmer haben kaum Einblicke in das Fernsehgeschäft. Daraus resultieren Missverständnisse. Die 26 größten Irrtümer haben wir hier zusammengestellt - von A bis Z, damit Sie für Ihr nächstes Fernsehinterview vorbereitet sind.

A Autor

Wenn das Fernsehen anruft, um von Ihnen eine Stellungnahme zu bekommen, haben Sie nicht den Redakteur am Telefon, sondern den Autor. Der Autor hat den Job übernommen, einen Film für eine bestimmte Sendung zu machen - meist gegen Honorar, denn er ist freier Mitarbeiter. Der Autor wird Sie interviewen. Er entscheidet jedoch nicht, ob und welche Ihrer Antworten gesendet werden. Das wiederum macht der Redakteur. Er trägt die Verantwortung.

B Beitrag

Die größte Wahrscheinlichkeit, als Unternehmer zu einem Thema gefragt zu werden, ist für einen Magazinbeitrag. Solche Filme sind drei bis fünf Minuten lang. Beiträge werden für aktuelle Sendungen und für Wirtschaftsmagazine produziert. Gehen Sie davon aus, dass alles gestern fertig sein musste. Gehen Sie nicht davon aus, dass das, was aufgenommen wurde, in jedem Fall gesendet wird.

C Chaos

Mangelnde Vorbereitung führt zu schlechten Beiträgen. Das gilt für beide Seiten. Und doch sind Sie im Nachteil: Die Unwissenheit des Autors wird nicht öffentlich, weil er im Beitrag nicht zu hören sein wird - Ihr Statement jedoch schon. Chaos entsteht, wenn unvorbereitete Journalisten mit unerfahrenen Unternehmern sprechen.

D Details

Vermeiden Sie globale Problemaufrisse. Sprechen Sie nicht von Ihrer Branche. Sagen Sie stattdessen etwas zu Ihren praktischen Problemen. Helfen Sie dem Autor, indem Sie anschauliche Beispiele erzählen. Richten Sie den Blick auf Details. Details erzeugen Bilder.

E Effizienz

Es gibt Dinge, die lassen sich kaum vermitteln. Zum Beispiel, dass ein digitales Medium die stundenlange Arbeit von Autor, Kameramann, Tontechniker, Cutter und Redakteur braucht, um ein Statement eines Unternehmers zu produzieren. Unternehmer kennen andere Formen von Ressourceneinsatz. Sie sehen allerdings nicht, dass im Schnittstudio unterschiedliche Bild- und Tonaufnahmen mit Sprechertext sekundengenau so geschnitten werden müssen, dass eine verständliche Geschichte entsteht.

F Fakten

Wenn Sie sich Zuschauern verständlich machen wollen, müssen Sie sie anders ansprechen als Ihre Kunden oder Mitarbeiter. Das Medium verlangt einfache, klare Aussagen. Die Amerikaner raten zu KISS (keep it short and simple).

G Geschwindigkeit

Das Fernsehen ist ein schnelles Medium. Auch so ein Gerücht. Selbst Videojournalisten, die Autor, Kamera- und Tonmann in einem sind, müssen ihre Beiträge noch im Computer bearbeiten, bevor sie gesendet werden können.

H Hinhören

Journalisten hören anders hin, als Sie es gewohnt sind. Sie interessieren sich nicht für Appelle. Journalisten suchen aus Ihren Antworten die markanteste Formulierung heraus. Das ist keine Heimtücke, sondern notwendig, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erreichen. Vorsicht also, wenn jemand Ihnen die gleiche Frage mehrmals stellt. Bleiben Sie bei der Formulierung, die Ihnen richtig erscheint. Generell gilt: Fragen Sie, wie lang Ihr Statement sein soll.

I Interesse

Gehen Sie nicht davon aus, dass der Autor sich für Ihre Sichtweise interessiert. Sein Augenmerk ist darauf gerichtet, Statements einzuholen und den Beitrag durch die Abnahme des Redakteurs bekommen.

J Jurist

Wenn falsch berichtet wurde, können Sie sich wehren - mit Brief an den Intendanten, Unterlassungsklage oder Gegendarstellung. Prüfen Sie jedoch vorab, ob Ihre Auffassung auch von anderen geteilt wird.

K Kamera

Ist kleiner geworden. Zeichnet aber immer noch mit Rotlicht auf und verursacht Stress. Kameraleute werden Ihnen nicht helfen. Im Gegenteil. Sie fragen während des Interviews: „Wie lange brauchen wir hier noch?” Der Umgang mit der Kamera sollte trainiert werden.

L Live-Interview

Ist paradoxerweise einfacher, denn es verteilt den Stress. Der Journalist muss präziser fragen, er kann seine Fragen nicht mehr herausschneiden. Bei Live-Interviews können Sie das Gespräch steuern und notfalls sagen: „Oh, das überrascht mich aber jetzt”, um dem Zuschauer zu vermitteln, dass der Interviewer springt.

M Moderator

Wenn Sie als Experte ins Studio geladen sind, werden Sie keinen roten Teppich vorfinden, sondern ein abgedunkeltes Studio, in dem die technischen Abläufe wichtiger als die Inhalte sind. Seien Sie darauf gefasst, dass der Moderator Sie erst zwei Sekunden vor dem Gespräch wahrnimmt. Moderatoren stellen sich innerhalb kürzester Zeit auf die unterschiedlichsten Themen ein. Sie haben die Fähigkeit, verblüffend einfach zu fragen.

N Nachbarn

Keiner Ihrer Geschäftsfreunde guckt fern. Aber Ihr Interview werden alle gesehen haben. Zufälligerweise, beim Zappen. Auch Ihre Nachbarn.

O Off

Studiostimme, die die letzten Sekunden vor Ihrem Interview ansagt. Auf dem Monitor läuft der vorangehende Beitrag. Währenddessen plaudert der Moderator mit der Aufnahmeleiterin über ihren Urlaub.

P Publikum

Gehen Sie davon aus, dass die Mehrzahl der Zuschauer sich eher für Ihre Krawatte als für Ihre Argumente interessiert. Wählen Sie daher eine Kleidung, in der Sie sich wohl fühlen. Tragen Sie keine weißen Hemden, weil Weiß überstrahlt, und keine eng karierten Sakkos oder Krawatten, die durch ihr Flimmern die Zuschauer irritieren. Setzen Sie sich auf Ihr Sakko, damit es an den Schultern straff sitzt.

Q Quote

Ist die Maßeinheit des Fernseherfolgs. Jeder Redakteur bekommt am Morgen nach der Sendung seine Quoten auf den Tisch. Daran kann er in Minutenschritten ablesen, ob seine Themen die Zuschauer erreicht haben.

R Redakteur

Verantwortet Ihren Beitrag. Sie werden ihn nie zu Gesicht bekommen.

S Schneiden

Vermeintliche Lieblingsbeschäftigung von Autoren. Fernsehjournalisten müssen aus der Fülle des Gesagten und den gefilmten Sequenzen auswählen und verdichten. Manipulieren dürfen sie nicht. Aber es wird immer Unterschiede geben zwischen dem, was Betroffene, und dem was Fernsehmacher als wichtig empfinden.

T Thema

Redakteure bestimmen die Themen ihrer Sendung. Sie suchen Geschichten, die Neuigkeitswert haben und Spannung versprechen. Besonders Konflikte bringen Quote. Unternehmer bevorzugen stattdessen Firmenportraits - die Zuschauer leider nicht. Portraits haben niedrige Einschaltquoten.

U Universalwissen

ist nicht gefragt, aber Sie sollten auf jede Frage aus Ihrem beruflichen Umfeld vorbereitet sein und überzeugende Antworten wissen. Denken Sie dabei journalistisch und nennen Sie Charakteristika Ihrer Firma, beispielsweise eine besonders hohe Ausbildungsquote.

V Vorbehalte

Die Zeiten großer ideologischer Auseinandersetzungen sind vorbei. Die meisten Journalisten wollen komplexe Sachverhalte erklären (79 Prozent) und positive Ideale ver­mitteln (40 Prozent). 24 Prozent möchten jedoch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kontrollieren und 58 Prozent sehen ihre Rolle auch darin, Kritik an Missständen zu üben. Seien Sie aufmerksam. Besonders an sozialen und ökologischen Themen können sich Emotionen entzünden. Brisante Fragen werden meist am Ende des Gesprächs angesprochen.

W Wandern

Verbreitete Unsitte, den Gesprächspartner sein Statement im Gehen sagen zu lassen. Soll Dynamik zeigen und interessantere Bilder geben. Wenn Sie Ihre Argumente beim Gang durch die Werkshalle verlieren, sprechen Sie stehend.

X für U vormachen

Sie müssen nicht alles sagen. Aber was Sie sagen, sollte richtig sein. Im englischen Journalismus gilt die Regel: Facts are sacred, opinion is free.

Y Yoga

Kann helfen, sich auf ein Interview vorzubereiten. Sicherer ist es, sich auf alle Fragen Ihres beruflichen Spannungsfeldes vorzubereiten und abzuklären, was Thema des Gespräches sein soll.

Z Zeitdruck

Zwanzig Sekunden sind unter Umständen lang genug für ein überzeugendes Statement. Auch dabei gilt: Bleiben Sie authentisch.

Christian Knull

Ernst-Schneider-Preis der deutschen Industrie- und Handelskammern e.V.

50606 Köln

Telefon 0221.16 40-157

Telefax 0221.16 40-499

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