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25.01.2010 Das Land Brandenburg wird seit dem Herbst 2009 von einer rot-roten Koalition regiert. Das Wirtschaftsressort steht unter der Leitung von Ralf Christoffers (Linke), der vorher für seine Fraktion als wirtschafts- und auch als finanzpolitischer Sprecher im Landtag agierte. Das Brandenburger Wirtschaftsmagazin FORUM hat nun mit dem neuen Minister für Wirtschaft- und Europaangelegenheiten, Ralf Christoffers, ein Interview zu seinen Vorhaben geführt.
Was zeichnet linke Wirtschaftspolitik aus?
Dass wirtschaftliche Entwicklung und soziale Stabilität eine untrennbare Einheit bilden. Beides gilt es auch mit Hilfe wirtschaftspolitischer Instrumente gemeinsam auszugestalten. Und lassen Sie mich eines grundsätzlich unterstreichen: Das Wirtschaftsministerium bleibt ein zuverlässiger Ansprechpartner für die Wirtschaft in Brandenburg – daran ändert sich nichts, auch wenn sich die Farbe der Fahne geändert hat, die über diesem Hause weht.
Welche Themen werden die wirtschaftspolitische Arbeit Ihres Ministeriums in diesem Jahr und in der Legislaturperiode prägen?
Die Grundlage für eine positive Entwicklung und das Wachstum der Unternehmen in Brandenburg ist der Zugang zu Wissen und Finanzierung. Als neuer Wirtschaftsminister stelle ich mich der Aufgabe, die Unternehmen sowohl beim Zugang zu Innovationen als auch bei der Sicherung ihrer Liquidität zu unterstützen. Noch kann niemand mit Gewissheit sagen, wie die Krise weiter verläuft – auch wenn es eine Reihe von Anzeichen gibt, dass langsam zumindest eine Stabilisierung eintritt, allerdings auf niedrigem Niveau. Entscheidend ist, dass die Betriebe an Kredite kommen – das heißt, dass der öffentliche und private Kapitalmarkt für die Unternehmen zugänglich ist.
Ein zentrales Thema der gesamten Legislaturperiode wird die Vorbereitung der Strukturfondsperiode nach 2013 sein. Denn heute werden mit der politischen Schwerpunktsetzung die Weichen für die Zeit bis 2020 gestellt. Ein „Förderkonzept 2020” wird die inhaltlichen Schwerpunkte der Landesentwicklung ab 2013 wesentlich bestimmen.
Eine gute wirtschaftliche Entwicklung vorausgesetzt, werden wir angesichts geringer werdender Mittel von Bund und EU im Jahr 2020 einen Landeshaushalt im Umfang von rund acht Milliarden Euro haben – statt derzeit 10 Milliarden. Aus diesem Grund ist die politische Einflussnahme auf die EU notwendig, um wirtschaftliche Entwicklung, soziale Stabilität und öffentliche Daseinsvorsorge - auch für die Zeit nach 2020 - sicherzustellen. Letztendlich geht es um die Entscheidung über die Zukunftsfähigkeit des Landes.
Die neue Koalition bietet beste Voraussetzung für eine Zusammenarbeit mit Berlin. Wann gibt es ein gemeinsames Innovationskonzept beider Länder?
Die Voraussetzungen sind tatsächlich gut! Die Basis für eine gemeinsame Innovationsstrategie ist bereits vorhanden. Wir haben uns mit Berlin auf fünf gemeinsame Zukunftsfelder - Biotechnologie/Medizintechnik/Pharma, Optik, Medien/IKT, Verkehrssystemtechnik und Energie - verständigt. Außerdem wurden beim jüngsten Innovationsgipfel die Förderung länderübergreifender F&E-Verbundprojekte und der weitere Ausbau des Technologie- und Wissenstransfers in der Region thematisiert. An der Umsetzung der entsprechenden gemeinsamen Vereinbarungen wird gearbeitet. Wir prüfen derzeit, ob sich auf dieser Basis eine gemeinsame Innovationsstrategie entwickeln lässt, die alle wesentlichen Bestandteile integriert, aber auch die Bedingungen eines Stadtstaates und eines Flächenlandes berücksichtigt. Unabhängig davon streben wir einen gemeinsamen Innovationsgipfel 2010 an.
Wie wird sich die gemeinsame Vermarktung der Airport Region weiter gestalten?
In den Jahren 2008 und 2009 waren die Aktivitäten des gemeinsamen Airport Region Teams von ZAB und Berlin Partner auf das Marketing für die Airport Region konzentriert. Zusammen mit der Marketinggesellschaft des Bundes, GTAI, wurden zahlreiche Road Shows im Ausland veranstaltet, so in Chicago, New York, London, Moskau und Tokio. Die Reaktion der Zuhörer war sehr positiv. Man war durchgehend überrascht über die guten Investitionsbedingungen in der Airport Region. Hieran wird im Jahre 2010 angeknüpft und die Anstrengungen weiter verstärkt. Dem breiten Marketing folgt jetzt eine gezielte Akquisitionsstrategie. Hierzu werden die Branchenteams der Muttergesellschaften verstärkt einbezogen. Angedacht ist zudem der Aufbau einer länderübergreifenden Leitung des Teams durch eine einheitliche Führung.
Die Ansiedlung in der Airport Region ist eine der größten Chancen für Berlin und Brandenburg. Bis zu 40.000 zusätzliche Arbeitsplätze sind möglich. Das kann auf ganz Brandenburg positiv ausstrahlen.
In der Zukunft wird es weniger Geld von der EU und vom Bund geben. Welche Auswirkungen wird es in diesem Zusammenhang auf die Neustrukturierung der Wirtschaftsförderung geben?
In der Förderpolitik wird sich vor allem ändern, wie wir öffentliche Mittel einsetzen. Wir werden – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass mit der nächsten Förderperiode für die EU-Strukturfonds deutlich weniger Fördergeld zur Verfügung stehen wird - die Instrumente zur Unternehmensfinanzierung weiterentwickeln. Anstelle von Zuschüssen setze ich verstärkt auf revolvierende Fonds, Bürgschaften, Kredite. Der Anteil der Zuschüsse wird kleiner werden. Deswegen wird die Zuschussfinanzierung zunehmend ergänzt durch Finanzierungsformen auf Darlehensbasis.
Einen Teil der EU-Mittel möchte ich ab 2014, also mit Beginn der neuen Strukturfondsperiode, von der normalen Förderstruktur abkoppeln und in Form eines Regionalfonds den Kreisen zur eigenverantwortlichen Verwendung übertragen. Mein Ziel ist es, dass die Regionen mehr mitreden können. Das heißt, die Kompetenzen zwischen Land und Kreisen bzw. Städten müssen neu festgelegt werden, damit vor Ort entschieden werden kann, welches die wichtigen Projekte sind, die gefördert werden.
Für welche Branchenkompetenzfelder werden zukünftig noch Fördermittel zur Verfügung stehen?
Das Modell der Branchenkompetenzfelder hat sich im Grundsatz bewährt. Es sind nur zu viele. Deshalb steht das Konzept derzeit auf dem Prüfstand. Nach der Auswertung der bisherigen Erfahrungen – voraussichtlich wird dies Mitte des Jahres geschehen sein - wissen wir da mehr. Danach werden wir mit Berlin abstimmen, auf welche Branchenkompetenzfelder wir uns gemeinsam konzentrieren wollen. Darüber hinaus wird Brandenburg einige weitere Felder festlegen.
Einen Schwerpunkt dürfte beispielsweise die Gesundheitswirtschaft bilden, denn wir werden erfreulicherweise immer älter, so dass hier ein großer Markt entstehen wird. Enorme Potenziale sehe ich auch in der Kreativwirtschaft. Eines meiner großen Ziele ist es, den Kreativstandort Hauptstadtregion mittelfristig zum führenden Medienstandort und längerfristig zum innovativsten Standort für die Informations- und Kommunikationstechnik in der Bundesrepublik Deutschland auszubauen.
Und natürlich sehe ich gute Chancen im gesamten Bereich der Energie – vorausgesetzt es gelingt, mehr Forschung, Technologieentwicklung und hochwertige Qualitätsproduktion im Land zu etablieren. Eine wichtige Rolle werden zudem die „Clean Technologies” spielen – wobei sich das große Feld der sauberen Technologien von Energieffizienz und Wärmedämmung bis hin zu Verkehrstechnik und Fahrzeugbau erstreckt.
Planen Sie ein neues Vergabegesetz, in dem der Mittelstand stärkere Berücksichtigung findet?
Ja. Wir sind dabei, ein EU-konformes Gesetz über Mindestanforderungen an öffentliche Vergaben zu erarbeiten. Grundsätzliches Ziel ist unter anderem, die Differenz zwischen Haushalts- und Vergaberecht zu überwinden – und damit einen Weg zu einer verstärkten Berücksichtigung mittelständischer Unternehmen zu finden. Das Gesetz wird für Aufträge unterhalb der EU-Schwellenwerte gelten – und das sind etwa 80 bis 85 Prozent aller öffentlichen Aufträge im Land Brandenburg.
Ist in diesem Zusammenhang – im Sinne der Unternehmen – eine gegenseitige Anerkennung des ULV (Unternehmer- und Lieferantenverzeichnis) in Berlin und Brandenburg geplant?
Eine wechselseitige Anerkennung der ULV-Eintragungen wäre für die Unternehmen der Region ein Gewinn. Aus brandenburgischer Sicht gibt es auch kein inhaltliches Problem. So ist das Berliner ULV im Straßenbau seit Jahren ein gemeinsames mit dem Brandenburgischen Infrastrukturministerium. Es ist nur die ausdrückliche Erlasslage im Land Berlin, die sich gegen alle ULVs richtet, die von Auftragsberatungsstellen geführt werden. Ein Vergabegesetz des Landes Brandenburg gilt nicht in Berlin, löst also die Sonderrolle nicht auf, die Berlin im ULV-Bereich beibehalten will.
Eine restriktive Kreditvergabe an Unternehmen gefährdet die Konjunktur. Wie werden sie die Kreditunternehmen in die Pflicht nehmen?
Nicht nur ich, sondern alle meine Länderkollegen erwarten, dass die Banken und Sparkassen ihre am 2. Dezember 2009 im Bundeskanzleramt erklärte Selbstverpflichtung einlösen und ihrer Verantwortung gegenüber der Wirtschaft gerecht werden. Darüber waren wir uns bei der jüngsten Wirtschaftsministerkonferenz einig. Wir haben gemeinsam an die Bundesregierung appelliert, einen besonderen Fokus auf die Gewährleistung verlässlicher Finanzierungsbedingungen für alle Unternehmen zu legen, um eine drohende Kreditklemme zu vermeiden.
Als Ziel ihrer Arbeit geben Sie auf ihrer Internetseite an, kleine und mittelständische Unternehmen sowie Beschäftigung zu stabilisieren. Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?
Zu diesem Zweck haben mein Haus und die InvestitionsBank des Landes Brandenburg ein "Hilfsangebot zur Sicherung von Investitionen und Arbeitsplätzen" vorgelegt. Das Angebot reicht von speziellen Kreditangeboten wie dem BrandenburgKredit Liquiditätssicherung und dem Konsolidierungs- und Standortsicherungsprogramm über Instrumente zur Eigenkapitalstärkung – genannt seien der BFB-Wachstumsfonds und GA-Nachrangdarlehen - bis hin zu Globaldarlehen und Einzelrefinanzierungen, die die ILB an Banken und Sparkassen vergibt, damit diese wiederum Unternehmen finanzieren. Darüber hinaus sind weitere Fonds zur Stärkung des wirtschaftlichen Eigenkapitals geplant. So werden wir in Kürze einen Frühphasenfonds für junge technologieorientierte Unternehmen auflegen. Darüber hinaus wird es einen Nachrangdarlehensfonds geben, der sich an etablierte Unternehmen des breiten Mittelstandes richtet zur Finanzierung von Betriebsmitteln und Investitionen in der Erweiterungsphase.
Was bringt aus ihrer Sicht das Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung?
Mit dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz verspricht die Bundesregierung, neue Impulse für einen stabilen Aufschwung zu setzen. Soweit die Theorie. In der Praxis ist das Gesetz zunächst einmal mit jährlichen und dauerhaften Mindereinnahmen von rd. 8,5 Mrd. Euro verbunden, von denen Ländern und Gemeinden fast 3,9 Mrd. Euro tragen müssen. Für den Landeshaushalt Brandenburg bedeutet dies Einnahmeausfälle allein im Jahr 2010 von rd. 55 Mio. Euro und in 2011 von rd. 81 Mio. Euro. Der Landeshaushalt ist bereits durch konjunkturbedingte Einnahmeausfälle und zusätzliche Ausgaben zur Überwindung der Finanzkrise erheblich belastet. Angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte besteht für umfangreiche Steuervergünstigungen zugunsten von ertragsstarken Unternehmen und Besserverdienenden kein Raum. Das ist eine falsche Weichenstellung. Die beabsichtigten Steuersenkungen entziehen den Haushalten Ressourcen, die beispielsweise für Investitionen in Bildung und Forschung benötigt werden.
Die neue Koalition hält an der Verstromung der Braunkohle fest. Damit bekommt die CCS-Technologie eine wichtige Bedeutung und ist Bestandteil der Energiestrategie 2020. Soll das Energieland Brandenburg als Vorbild für andere Regionen dienen?
Brandenburg ist derzeit das einzige Bundesland, in dem nennenswerte Aktivitäten zur Entwicklung und Erprobung der CCS-Technologien laufen. Wir haben in Ketzin das internationale Forschungsprojekt CO2SINK, in Schwarze Pumpe die weltweit erste CCS-Pilotanlage mit der Oxyfuel-Technologie, die Forschungskapazitäten am PIK und am GFZ in Potsdam sowie an der BTU Cottbus. Als einziges deutsches und eines von nur sechs europäischen Vorhaben wird das CCS-Demonstrationskraftwerksprojekt von Vattenfall für den Standort Jänschwalde eine Förderung aus dem europäischen Energieprogramm zur Konjunkturbelebung erhalten. Nicht zuletzt verfügt Brandenburg über Gesteinshorizonte, in denen sich aller Voraussicht nach CO2 sicher einlagern lässt. Damit kann in Brandenburg eine geschlossene Kette von der CO2-Erzeugung über die Abscheidung, den Transport bis hin zur Speicherung realisiert werden. Mit derartigen Potenzialen bei der Nutzung fossiler Energieträger, aber auch mit den Innovationen beim Ausbau der Nutzung Erneuerbarer Energien ist das Energieland Brandenburg Vorreiter und Vorbild für andere Regionen.
Nur etwa 3 Prozent der Brandenburger Unternehmen sind außenwirtschaftlich aktiv. Deren Anteil zu erhöhen ist ein gemeinsames Ziel von Landesregierung und IHK. Welche Maßnahmen favorisieren Sie?
Wir haben in Brandenburg einen sehr hohen Anteil von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Viele davon sind kleine Unternehmen, für die es nicht einfach ist, neben dem Tagesgeschäft Konzepte für die internationale Markterschließung zu entwickeln. Wir setzen bei dieser Problematik an unterschiedlichen Stellen an. Zum Einen müssen wir Unternehmen, die noch gar nicht international aktiv sind, an die Außenwirtschaft heranführen – beispielsweise mit Veranstaltungen wie der Außenwirtschaftskonferenz, die neben Information zum Thema auch fachspezifische Beratung bieten. Zum Anderen unterstützen wir KMU bei ihren ersten Schritten im internationalen Geschäft, zum Beispiel mit der M4-Richtlinie. Gefördert werden damit Beratungsleistungen, Markterschließungsprojekte sowie die Möglichkeit, fachspezifisch qualifiziertes Personal einzustellen.
Darüber hinaus arbeiten wir gegenwärtig an einem auf drei Säulen basierenden Konzept zur Stärkung der Exportaktivitäten der brandenburgischen Wirtschaft. Dabei geht es darum, erstens ein EU-konformes Bürgschaftssystem zu entwickeln, um die Vorfinanzierung von Exportaufträgen sicherzustellen. Zweitens Gespräche mit den Kammern zu führen, damit die Beratung über die Hermes-Bürgschaften des Bundes weiter intensiviert wird. Und drittens zusammen mit Finanzinstitutionen ein Beratungsgremium zu bilden, das die Fragen der Exportfinanzierung kontinuierlich begleitet.
In der globalisierten Wirtschaft von heute wächst einerseits die Anzahl der für die Brandenburger Wirtschaft interessanten Märkte, andererseits sind die Ressourcen begrenzt. Welche Prioritäten setzen Sie und warum?
Wichtig ist, dass die Unternehmen selbst definieren, welche Märkte für sie und ihre Produkte und Dienstleistungen interessant sind. Hier von staatlicher Seite Vorgaben zu machen, kann nicht funktionieren. Unsere Förderprogramme gelten daher für alle Länder. Wir wollen, dass die Interessen der Unternehmer über die Unternehmensnetzwerke kanalisiert werden. Auf diese Weise werden beispielsweise politisch begleitete Unternehmerreisen in Länder und Regionen geplant, die für unsere Wirtschaft relevant sind. Die Türöffnerfunktion durch die politische Begleitung ist dann umso wichtiger, je mehr Staat und Wirtschaft in der Zielregion miteinander verflochten sind. Im Vordergrund steht aber, dass wir uns bei der Auswahl der Zielländer für Delegationsreisen oder Markterschließungsprojekte mit den Unternehmen abstimmen. Ebenso müssen wir international gemeinsam mit Berlin als Hauptstadtregion auftreten, um unsere Chancen zu erhöhen und uns gegen andere starke Regionen zu behaupten.
Die Ansiedlung innovativer Industrieunternehmen stärkt gleichzeitig die industrielle Exportbasis des Landes. Wie stellt sich Brandenburg zukünftig im internationalen Wettbewerb der Standorte auf?
Brandenburg hat sich als Ansiedlungsstandort in den letzten Jahren auch in Konkurrenz zu unseren Nachbarländern gut entwickelt. Die ZukunftsAgentur erreichte Spitzenergebnisse auch im Vergleich zu anderen Wirtschaftsfördergesellschaften in Deutschland. Nicht nur die Zahl dieser Ansiedlungen ist wichtig, sondern auch deren Qualität. So konnte in Brandenburg mit der Solarindustrie in einer Kombination aus geglückten Ansiedlungen und Förderung heimischer Betriebe eine ganze Zukunftsbranche entstehen. Natürlich wirken sich diese Erfolge bei der Verbesserung der industriellen Struktur auch auf die Exportkraft des Landes aus. Nunmehr haben wir eine nächste Phase der Wirtschaftsförderung im Auge. Insbesondere die Exportfähigkeit unserer mittelständischen Betriebe soll gestärkt werden. Hierzu werden wir Erleichterungen bei der Exportfinanzierung schaffen und mit Hilfe unserer Wirtschaftsförderung Exportaktivitäten in Wachstumsregionen dieser Erde verstärken.
Welche Aktivitäten unternimmt das Wirtschaftministerium bei der Sicherung des Unternehmensbestandes im Land Brandenburg, insbesondere im Rahmen der Unternehmensnachfolge?
Zur Sicherung des Unternehmensbestandes stehen im Land Brandenburg eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Sie reichen von der Beratungs- und Netzwerkförderung, die die Wettbewerbsfähigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen stärken soll, über Zuschüsse im Rahmen der GA-Förderung der gewerblichen Wirtschaft, dem Brandenburger Risikokapitalfonds, mit dem die Eigenkapitalbasis kleiner und mittlerer Unternehmen zusammen mit Privatinvestoren in der Früh- und Wachstumsphase mittels stiller und offener Beteiligungen gestärkt werden soll, bis zum Programm „Gründungs- und Wachstumsfinanzierung”, nach dem Darlehen für die Stärkung der Leistungsfähigkeit und Innovationskraft von Existenzgründern und kleinen Unternehmen sowie die Übernahme von Betrieben ausgereicht werden können. Bürgschaften ergänzen die Unterstützungsmöglichkeiten bei der Finanzierung.
Die Unternehmer müssen sich in erster Linie selbst einer rechtzeitigen Nachfolgeregelung stellen, um damit die Fortdauer ihres Unternehmen zu sichern. Die Landesregierung kann nur begleitend aktiv werden. Sie bietet Möglichkeiten zur Förderung des Übergabeprozesses durch Berater. Das Gründungsnetz Brandenburg unterstützt die Übernehmer bei ihrer Neugründung durch zahlreiche Aktivitäten. Speziell fördern wir als Wirtschaftsministerium das Modellprojekt der Kreishandwerkerschaft Finsterwalde „Fit in die Unternehmensnachfolge” mit EFRE-Mitteln bis Oktober 2012. Ziel ist, junge Auszubildende frühzeitig an das Thema Betriebsnachfolge heranzuführen, sie zum Nachfolger auszubilden und damit langfristig im Land Brandenburg zu halten. Nach einem ersten Probejahr in 2009 sprechen eine verdreifachte Anmeldequote 2010 und mehrfache Auszeichnungen für den Erfolg dieser Maßnahme.
Wie kommen wir zu mehr Existenzgründungen im technologieorientierten Bereich im Land?
Um sich selbstständig zu machen, benötigen Gründer neben ihrer Geschäftsidee auch die Fähigkeit, ein Unternehmen zu führen. Daher sind Gründer ergänzend zu ihrer fachlichen Qualifikation auch auf betriebs- und marktwirtschaftliche Kenntnisse angewiesen. Hierbei kommt der Politik eine zentrale Rolle zu, die notwendigen Rahmenbedingungen zu setzen und eine entsprechende Förderung auf den Weg zu bringen. Einen frühen Kontakt mit unternehmerischen Fragen und Kompetenzen wie Kreativität und Innovationsfähigkeit fördern wir über Schülerfirmen sowie der Sensibilisierung von Studierenden für mögliche Gründungen mit unserem Programm „Förderung der unternehmerischen Selbstständigkeit an Hochschulen und Förderung von mehr wissensbasierten Unternehmensgründungen”. Damit soll die Quantität und Qualität von Gründungen über die Verankerung einer Kultur der Selbstständigkeit erhöht werden. Damit verbindet sich auch die Hoffnung, speziell wachstumsträchtige Gründungen anzuregen.
Nach der Sensibilisierung bietet der von uns geförderte Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg Hilfestellung bei der Umsetzung von Ideen. Junge Leute können hier lernen, einen Businessplan zu schreiben und sich am Wettbewerb um den besten Plan beteiligen. Die Preisvergabe ist in drei Kategorien geteilt, eine davon richtet sich speziell an technologieorientierte Businesspläne.
Und auch der bereits erwähnte Frühphasenfonds, den wir in Kürze auflegen werden, wird sich an technologieorientierte junge Unternehmen richten.
Über neue Existenzgründungen hinaus ist aber auch die Substanzpflege unserer Unternehmen ein wichtiger Schwerpunkt. Wachstum aus der Substanz heraus ist eine wesentliche Quelle, um wirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren.
In der Koalitionsvereinbarung der neuen Landesregierung nimmt der Tourismus als Zukunftsbranche erfreulicherweise eine bedeutende Stellung ein. Als Aushängeschild für ein modernes, tolerantes und lebenswertes Land sollen die bewährten Themen wie Natur- und Kulturtourismus weiter gestärkt werden. Es fehlt jedoch der direkte Bezug zum Ausbau des internationalen Tourismus, der zu den größten Potenzialen zählt. Wie werden Sie diese Herausforderung angehen?
Die Landestourismuskonzeption 2006 - 2010 weist drei Säulen auf, die wir verstärkt entwickeln möchten: den Thementourismus, den Tagestourismus und den internationalen Tourismus. Die Umsetzung dieses Anspruchs erfolgt auf Basis einer strategischen Marketingkonzeption (2008 - 2012) über die beiden Kernthemen Natur und Kultur.
Bereits im Jahr 2007 hat die Landesregierung der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH zur verstärkten Erschließung der internationalen Märkte zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt. Wir haben sehr genaue Vorstellungen zu möglichen Quellmärkten – wie den Niederlande, Großbritannien, Skandinavien und Polen - und zu den Themen, mit denen wir diese Märkte bewerben. Hier gibt es durchaus Unterschiede. Während die Briten sehr aufgeschlossen für Naturerlebnisse sind - Stichwort "Birdwatching" -, sind die Skandinavier von unseren Golfplätzen begeistert. Die Niederländer nutzen unsere Radwege und Wasserstraßen, während der polnische Gast überhaupt nicht gerne Fahrrad fährt. Wir sind also auf unsere Märkte eingestellt. Zudem gehen wir gezielt auf die Reiseveranstalter zu und bewerben weniger den Endkunden, weil wir der Meinung sind, auf diesem Weg unsere Mittel effizienter einsetzen zu können.
Trotzdem muss man Geduld haben. Erste messbare Erfolge werden sich erst nach einigen Jahren einstellen. Zudem hat uns die Krise der globalen Märkte gerade im internationalen Geschäft getroffen. Der Gast trifft seine Reiseentscheidung auf Basis der Einschätzung der wirtschaftlichen Situation seines Heimatlandes und nicht des Ziellandes. So setzten Ende 2008 die Rückgänge aus dem britischen Markt innerhalb von Wochen nach Beginn der Finanzkrise ein. Nichts desto trotz werden weiter diese Märkte bewerben, um dann in besseren Reisezeiten auch in den Köpfen präsent zu sein.
Unterstützt werden die Aktivitäten der TMB von der Arbeit des Netzwerkes MICE, mit dem über 30 der führenden Anbieter im Tagungsgeschäft gemeinsam auch die internationalen Märkte in diesem Segment bewerben. Dieser Zweig ist wichtig, werden doch 25,9% der Übernachtungen in Brandenburg durch den Tagungstourismus erzielt.
Die Tourismuswirtschaft im Land Brandenburg wird durch den Inlandstourismus geprägt. Der Tagesreiseverkehr spielt in dabei eine herausragende Rolle. Er umfasst rund zwei Drittel des touristischen Umsatzes und bildet damit ein solides Fundament für das Gewerbe. Vielerorts gibt es für den Tagesbesucher oder Übernachtungsgast jedoch wenig Alternativen zur Anreise mit dem Auto. Die Erreichbarkeit mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln (ÖPNV) gerade im ländlichen Raum ist noch nicht optimal auf die Bedürfnisse von Touristen abgestimmt. Was haben Sie vor, um die Verzahnung zwischen ÖPNV und Tourismus zu stärken?
Das Thema ist sehr vielschichtig. Zum Einen nutzen wir die Möglichkeiten des ÖPNV für den Tagungstourismus. Aktuelles Beispiel ist das Seniorenticket der BVG, mit dem geradezu eine Reisewelle ausgelöst wurde.Auf der anderen Seite ist das Nahverkehrsangebot nachfrageorientiert und Tourismus nicht das einzige Entscheidungskriterium. Angemessene Frequenzen, die die Basisfinanzierung von Nahverkehrsangeboten sichern, können nur durch die lokale Nachfrage gedeckt werden. Dies ist im ländlichen Raum schwierig. Das Thema war bereits Gegenstand von Veranstaltungen der IHK als auch des Landestourismustages 2009, den der Landestourismusverband und mein Haus gemeinsam ausgerichtet haben. Dabei wurden hochinteressante lokale Initiativen vorgestellt, die versuchen, auf die touristische Nachfrage insbesondere am Wochenende zu reagieren. Dieses Angebot wird weiter zunehmen und eine Entlastung erzielen. Eine umfassende Lösung wird für das Flächenland Brandenburg nicht finanzierbar sein. (Es fragte Detlef Gottschling)
(erschienen in: FORUM, 2/2010)
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